Alessandro Vantini besuchte als Kind eine Taubstummen-Schule der katholischen Kirche in Verona. Dort wurde er nach eigener Darstellung über Jahre hinweg von Geistlichen sexuell misshandelt. Seinem Klassenkameraden Gianni Bisoli erging es nicht anders, er soll sogar vom damaligen Bischof von Verona missbraucht worden sein. Beide Opfer haben jahrzehntelang über ihre schrecklichen Erfahrungen geschwiegen. Erst heute – im Alter von 59 beziehungsweise 60 Jahren – sind sie zu einer öffentlichen Aussage bereit. «Ich habe bis zu meinem 30. Lebensjahr an Depressionen gelitten», sagt Vantini, der die Taubstummen-Schule 13 Jahre lang besuchte. «Meine Frau hat mich darin bestärkt, die Sache publik zu machen, und mir wurde damit ein riesiges Gewicht von den Schultern genommen.» Auf die Frage, warum er das nicht früher getan hat, lässt Vantini über seinen Gebärdensprachen-Dolmetscher mitteilen: «Wie hätte ich meinem Vater erzählen können, dass ich Sex mit einem Priester habe. Die Priester hätten mich verprügelt.» Offizielle Statistiken über sexuelle Übergriffe von Geistlichen auf Minderjährige liegen in Italien nicht vor. Die Kirche gibt keine Zahlen preis, und auch der Vatikan hüllt sich bislang in Schweigen. Die Nachrichtenagentur AP hat auf der Basis von Medienberichten, Angaben von Opfergruppen und Blogs von Betroffenen eine Liste aller dokumentierten Fälle des vergangenen Jahrzehnts erstellt. Demnach gab es mindestens 73 Missbrauchsfälle mit rund 235 Opfern. Dies mag wenig klingen angesichts der jüngsten Welle von Anschuldigungen gegen Geistliche in den USA oder in Irland. Den AP-Recherchen zufolge hat die italienische Kirche bislang auch nur ein paar hunderttausend Euro Schadensersatz gezahlt – im Gegensatz zu 2,6 Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro) in den USA und 1,1 Milliarden Euro in Irland. Doch breitet sich langsam der Verdacht aus, dass hier erst die Spitze des Eisbergs entdeckt wurde. Und das Potenzial erscheint geradezu erschreckend: Mit 50.850 Priestern hat Italien die weltweit größte Dichte katholischer Geistlicher. Dass bislang nur wenige Fälle publik wurden, führen Beobachter vor allem darauf zurück, dass sich niemand so recht getraue, die Kirche zu kritisieren, geschweige denn anzuklagen. Hinzu komme, dass vor allem in ländlichen Gegenden Italiens niemals offen über Sex gesprochen werde – schon gar nicht über Sex zwischen einem Priester und einem Kind. «Es ist ein doppeltes Tabu», sagt die Richterin Jacqueline Monica Magi, die als frühere Staatsanwältin mehrere spektakuläre Prozesse gegen Pädophile geführt hat. Von den ehemaligen Absolventen der Taubstummen-Schule in Verona sind jetzt 67 an die Öffentlichkeit getreten und haben ihren einstigen Betreuern sexuellen Missbrauch und körperliche Misshandlung vorgeworfen. 14 von ihnen haben unter Eid detailliert geschildert, was ihnen widerfahren sein soll, und dabei 24 Geistliche und Laien im Dienst der Kirche namentlich benannt. Unter den Tätern soll sich auch der inzwischen verstorbene Bischof Giuseppe Carraro befinden. Die Diözese von Verona setzte eine Untersuchungskommission ein, die zu dem Schluss gelangte, dass zumindest Carraro keine Schuld treffe. Ein Verfahren des Vatikans zu seiner Seligsprechung wurde deshalb fortgesetzt. Kritiker betonten indes, dass bei der Untersuchung lediglich das Personal der Taubstummen-Schule befragt wurde, nicht aber die Opfer. Dabei wurde gar nicht abgestritten, dass es sexuelle Misshandlungen gegeben hat. Die seien jedoch vereinzelte Ausnahmefälle, und die Schuldigen seien allesamt vom Dienst suspendiert worden, erklärte ein Sprecher der Diözese. Den anklagenden ehemaligen Schülern wurde vorgeworfen, unschuldige Geistliche bewusst denunziert zu haben. In den wenigen anerkannten Fällen wurde den Opfern aber eine ausdrückliche Entschuldigung ausgesprochen.