Artikel von MARTIN URBAN in der Süddeutschen vom 13.11.2009
In der Amtskirche bleibt die kritische Theologie unerwünscht
Religiöse Gefühle soll man nach alter Sitte nicht verletzen. Die Vernunft dagegen darf man ungestraft beleidigen. Die Kirchen fühlen sich hierzulande zuständig für die religiösen Gefühle. Sie prägen die unterschiedlichen Vorstellungen davon, was denn beleidigend sein kann und was nicht. Die Vernunft darf traditionell außen vor bleiben. Seit mehr als hundert Jahren gibt es die historisch-kritische Theologie. Aber deren Erkenntnisse werden nicht beachtet. Das würde die gerne zitierten “geistlich Armen” beleidigen. Wenn diese Frömmsten der Frommen erfahren würden, wie brüchig die Fundamente ihres Glaubens sind, dann würden auch noch diese letzten Kirchgänger fortbleiben. Deshalb versuchen die Amtskirchen ihre schärfsten theologischen Kritiker mit dem Etikett “Außenseiter” aseptisch zu machen.
Die evangelische Kirche in Deutschland sieht sich neuerdings “im Aufbruch”. Genauer gesagt, der scheidende Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, sieht sie so. Zwar verlassen immer mehr Christen ihre Kirchen. Aber die EKD hat nun, um die Qualität der Gottesdienste zu verbessern, einen Experten berufen – den bisherigen Obmann für Posaunenchöre aus Oldenburg. Da werden sich die Kirchen gewiss wieder füllen! Wolfgang Huber hat seine Kirche überdies den historisch-unkritisch bibeltreuen Fundamentalisten – den Evangelikalen, den Pietisten – geöffnet und ist stolz darauf. Er geht damit analog den selben Weg wie Papst Benedikt XVI., der die Pius-Brüder, die fundamentalistischen Anglikaner und die Orthodoxen der römisch-katholischen Kirche näherbringen will. Doch die evangelische Kirche ist in ihrer Geschichte auch immer Kirche der Aufklärung gewesen. Und insofern sie dies war, hat sie den wissenschaftlichen Diskurs befördert. Allerdings war sie das nur, indem sie bedeutende Theologen hervorbrachte, denen sie dann das Leben schwer machte. Der evangelische Kirchenhistoriker und Gründer der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der Vorläuferin der Max-Planck-Gesellschaft, Adolf von Harnack zum Beispiel, ein “Glanzgestirn der Kirchengeschichte” (so der Kirchenhistoriker Karl Heussi), provozierte 1892 mit seiner geschichtlichen Deutung der kirchlichen Dogmen die protestantische Generalsynode dazu, ein “Irrlehregesetz” zu verabschieden, ein “Kirchengesetz, betreffend das Verfahren bei Beanstandung der Lehre von Geistlichen”. Und Rudolf Bultmann, der Anfang der 1940er Jahre begann, die Bibel zu “entmythologisieren”, gab damit Anlass für die Gründung der früh-evangelikalen Bewegung “Kein anderes Evangelium” durch den die Bibel wörtlich verstehenden bayerischen Theologen Walter Knneth in den 1960er Jahren. Mittlerweile klaffen Welten zwischen dem frommen Geschwätz und dem Wissen der historisch-kritisch arbeitenden Theologen beider Konfessionen, ergänzt um die Forschungsergebnisse anderer Wissenschaften. Die Brüchigkeit der Fundamente zeigt sich in der wissenschaftlich fundierten Deutung insbesondere der Bibel, des wirkmächtigsten Buchs der Weltgeschichte. Wer sie einfach nur liest, muss sie missverstehen, und das nicht erst seit heute. Die Bibel sorgt seit 2000 Jahren für Missverständnisse, das ist so gewollt. Die Verfasser der Bücher des Alten Testaments zum Beispiel waren große Deuter der Zukunft im Nachhinein. Sie prognostizierten Ereignisse, die längst stattgefunden hatten und taten so, als schrieben sie in alter Zeit, lange vor diesen Ereignissen. Die ersten Christen nahmen weitere Umdeutungen vor. So wird etwa am Heiligen Abend besonders gern aus dem Buch des Propheten Jesaja gelesen: “Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben . . .”, ohne hinzuzufügen, dass damit nicht etwa Jesus, sondern vermutlich der König Joschija von Juda gemeint war. Die Missversätndnisse sind, wie gesagt, gewollt. Der heute immer noch weltweit hoch- angesehene protestantische Theologe, Musiker und spätere Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer erschreckte seine Kirche vor mehr als hundert Jahren mit der Erkenntnis, dass die Trinitt Gottes als “Vater, Sohn und Heiliger Geist” ein menschliches Konstrukt ist. Die Gehirnforschung kann dies heute präzise erklären. Schweitzer aber durfte mit dieser Erkenntnis nicht Missionar werden. Er studierte zusätzlich Tropenmedizin und ging als Urwaldarzt nach Afrika. Vor fast 2000 Jahren musste Jesus am Kreuz sterben, weil er den Opferkult im Tempel zu Jerusalem bekämpfte. Die (durch den Apostel Paulus entwickelte) Vorstellung, Gott habe Jesus gegen dessen erklärten Willen “seiner eigenen beleidigten Majestät” als Sühneopfer für die Sünden der Menschheit darbringen lassen, kritisieren der katholische Schweizer Theologe Othmar Keel (“Die Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus”) wie der deutsche evangelische Theologe Klaus-Peter Jürns (“Notwendige Abschiede”) – gegen den massiven Widerspruch des EKD-Ratsvorsitzenden Huber, mit vorsichtiger Zustimmung in einigen protestantischen Landeskirchen. Nach wie vor wird jedoch bei jedem Abendmahl gesungen: “Christe du Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt . . .”.
Der Rückmarsch in den Fundamentalismus ist auch ein Politikum. Die evangelische wie die katholische Kirche haben in Deutschland bis in die 1970er Jahre Straflager für Jugendliche ab 14 Jahren betrieben; getreu dem alttestamentarischen Spruch “Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten”. Das hat vor wenigen Jahren der Spiegel-Journalist Peter Wensierski (“Schläge im Namen des Herrn”) aufgedeckt. Die Opfer verlangen nun mit Recht, aber bisher vergebens, auch eine theologische Aufarbeitung dieser Verbrechen. Die Affinität christlicher Opferkult- und Moralvorstellungen zur Gewalt ist ein Kennzeichen des christlichen Fundamentalismus. Nach heutiger evangelikaler Vorstellung muss zum Beispiel – entgegen dem, was die Verfassung sagt – der Mann in der Ehe in wichtigen Fragen das letzte Wort haben (so der Chefredakteur der evangelikalen Nachrichtenagentur idea). Und fromme Evangelikale halten nach wie vor Homosexualität für eine Sünde – auch wenn ihnen Wolfgang Huber in diesem Punkt widerspricht. Nur einzelne forschende Theologen wehren sich öffentlich gegen den schlichten Kirchenglauben. Viele haben Angst, sie müssten als Erste dran glauben, wenn theologische Lehrstühle mangels Interesse von Studenten geschlossen werden sollten. Und so spielen die Erkenntnisse der kritischen Theologie im Diskurs der Wissenschaften heute außerhalb der Feuilletons (fast) keine Rolle.




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So gut der Artikel geschrieben ist, so wenig wird er der realen Situation gerecht.
Es gibt die theologische Religionskritik, die sich dagegen wendet in sinnloser zirkulärer Logik die Bibel mit der Bibel zu beweisen und gleichzeitig mit den endlosen Ungereimtheiten und Fehlern der Bibeltexte aufräumt.
Es gibt die historische Religionskritik, die sich nur auf Funde und alte Texte der Zeit stützt und deren wissenschaftliche Auswertung. Fossilien und Texte sind heute in Massen bekannt und entziffert. In dies reale historische Bild paßt keine der Bibelgeschichten. Die Zeit stimmt nicht, die Personen waren längst tot, es hat sie nie gegeben, die Ereignisse sind reine Phantasie usw. Wesentlich wichtiger sind die Ereignisse der Zeitgeschichte, die vollkommen aussen vor bleiben und die Handlungen im AT und NT zum Märchen machen gleichrangig mit den Gebrüder Grimm als Verfasser.
Während das erste Gebiet relativ gut abgegrast ist, wird das zweite fast vollständig ignoriert. Den Theologen würde es Amt und Einkommen kosten, den Gläubigen ihr Selbsbewusstsein, dem Rest ist die Thematik so egal wir die Religion. Wer sich allerdings auf die Bibel als mythisches Gleichnis beruft, der sollte sich fragen lassen warum er Gottes real-dementen und allwissenden Stellvertreter immer noch bezahlt.
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