Der heilige Schein
David Berger:
Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche.
304 Seiten, Verlag: Ullstein
18,00€, ISBN 978-3550088551
von THOMAS ASSHEUER
Der katholische Theologe David Berger war einmal das, was man einen »Traditionalisten« nennt. Traditionalisten sind fleißige Schanzarbeiter, die hohe Mauern um den heiligen Leib der Kirche errichten, um sie vor der gottlosen Moderne zu schützen. Wenn dann noch Zeit bleibt, bekämpfen Traditionalisten den Teufel des »Progressismus«. Damit sind vor allem Linkskatholiken gemeint, aber auch liberale Theologen wie Karl Rahner und sein Schüler Kardinal Lehmann. Auch David Berger, Jahrgang 1968, verfasste Brandschriften gegen die linke »Verirrung« und nannte Karl Rahner einen »Ketzer«, der »Verderbnis in die Kirche bringt«. Mit solchen theologischen Markierungen wurde er über Nacht zum Shootingstar der Rechtskatholiken und galt rasch als ihr Hoffnungsträger, ein intellektueller Typ ganz nach dem Religionsgeschmack der neuen Bürgerlichkeit. Pius-Brüder und Opus-Dei-Leute rissen sich um ihn, Berger hielt Vorträge bei der Vereinigung Pro Missa Tridentina und wurde Lektor der Glaubenskongregation mit dem Auftrag, eine verdächtige Innsbrucker Jesuiten-Zeitschrift zu überwachen. Im Jahr 2003 wurde Berger zum korrespondierenden Professor der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin ernannt, danach zum Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift Theologisches, des wichtigsten Forums konservativer Katholiken. Mittlerweile hat David Berger dem rechtskatholischen Milieu den Rücken gekehrt und über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben: “Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche”. Dieses Buch gehört zum Unglaublichsten, was derzeit über die katholische Kirche zu lesen ist, und Christian Geyer hat recht, wenn er schreibt, das schmale Werk könne Benedikt XVI. durchaus »in die Bredouille bringen« (FAZ vom 22. 11. 2010). Tatsächlich schildert Berger das Pontifikat des Papstes als fundamentalistische Wende; systematisch würden liberale Theologen zum Schweigen gebracht oder verdrängt, während der Einfluss traditionalistischer Gruppen rapide wachse. Berger meint die Organisation Opus Dei, aber auch die Piusbrüder, das Engelwerk, die Blaue Armee Mariens oder die TFP, die Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum. Die papstkritische Wende des Autors versteht man wohl nur, wenn man sich seinen Werdegang vor Augen hält. Berger stammt aus einer liberalen und religiös unmusikalischen Familie; starken Einfluss übte seine Großmutter auf ihn aus, deren Glaubensstärke die freundliche Unverbindlichkeit im Elternhaus offenbar weit überstrahlte. Auch die Barockkunst seiner unterfränkischen Heimat übte eine große Anziehungskraft auf den Heranwachsenden aus; Berger besuchte altlateinische Messen und war überwältigt von der pontifikalen Pracht der homoerotisch sublimierten »Märchenwelt« und ihres »monarchistisch strukturierten Systems«. Den Vorsatz, Priester zu werden (»mein Traumberuf«), gab er allerdings wieder auf. Weil er einen festen Freund hatte und nicht zölibatär leben wollte, schlug Berger eine wissenschaftliche Laufbahn ein, machte mit Bravour seinen Doktor in Theologie und habilitierte sich an einer polnischen Universität. Erst als konservative Glaubensbrüder an einigen kritischen Bemerkungen gegenüber dem Vatikan Anstoß nahmen und ihn mit seiner Homosexualität erpressten (»sonst kommen unappetitliche Dinge über Sie ans Licht«), brach er mit den traditionalistischen Zirkeln. Berger ging an die Öffentlichkeit und wird seitdem von allen Seiten als Häretiker angefeindet. Auf einer katholischen Internetseite empfehlen fromme Christenmenschen, sich einen Baseball-Schläger zu besorgen« und Berger damit so lange in die »schwule Fresse zu klopfen, bis wir die Homo-Kotze auf den Sondermüll entsorgen können«.
Berger ist kein Renegat, sondern ein durchaus konservativer Theologe und in seinen Überzeugungen alles andere als ein »Progressist«. Die erste Entfremdung zum rechtskatholischen Milieu setzte
ein, als ihm klar wurde, dass der von ihm bewunderte tridentinische Ritus als »Einstiegsdroge« benutzt wird, um Gläubige in die Falle des Traditionalismus zu locken. In Wirklichkeit verberge sich hinter dem liturgischen Zauber, hinter der vermeintlich rein »platonischen Schau des Schönen « ein reaktionäres Programm: Das Zeremonielle »kommt gut an in Zeiten postmoderner Freude an allem Esoterischen, zumal in intellektuellen Kreisen. Ein durch Ästheten wie Martin Mosebach vornehm parfümierter Traditionalismus ist inzwischen wieder salonfähig.« Berger, der kritisch mit sich selbst ins Gericht geht, weiß, wovon er spricht. Auf seinen Vortragsreisen hat er die rechtskatholischen Netzwerke und ihre vielfach unterdrückte Homosexualität kennengelernt; er berichtet von seinen Erfahrungen mit den Piusbrüdern oder von einem Aufenthalt im Priesterseminar St. Pölten, das seinerzeit von Benedikts Lieblingsbischof Kurt Krenn geleitet wurde (bis die Polizei dort 40 000 schwule Pornobilder und Kindersexdateien fand). Aufschlussreich ist auch Bergers Erinnerung an katholische Herrenabende, bei denen bekennende Rechtsradikale und verurteilte Volksverhetzer auftraten und Antisemitismus zum guten Ton gehörte. Außerdem berichtet er von »schwarzen Akten«, die die Kirche anlege, um theologisch unbotmäßige Priester unter Druck zu setzen. »Wer es wagt, über Frauenordination laut nachzudenken, muss mit härtesten Strafen rechnen. Wer dagegen wie Bischof Williamson neurotischen Frauenhass an den Tag legt, wird von Rom hofiert.« Das operative Muster des Rechtskatholizismus ist überall gleich. Die biblische Botschaft, so Berger, werde gleichsam entchristlicht und mit ultrakonservativen Vorzeichen versehen. So sei der Mitorganisator tridentinischer Messen in der Erzdiözese Köln nicht zufällig ein Gründungsmitglied der vom Verfassungsschutz beobachteten Bürgerbewegung PRO-NRW. Berger erwähnt auch den Fall des französischen Piusbruders Philippe Laguérie, der Le Pen nahestand, ständig über den Einfluss des »jüdischen Großkapitals« lamentierte und die Thesen englischer Holocaustleugner
verteidigte. Ohne dass er seine Aussagen widerrufen musste, wurde Laguérie von Papst Benedikt rehabilitiert und mit Leitungsfunktionen betraut. Auch der Skandal um den Holocaustleugner Richard Williamson ist für Berger keine »Panne«, wie der Vatikan behauptet. Der schwedische Bischof Aborelius habe frühzeitig davor gewarnt, die Exkommunikation von Williamson aufzuheben ohne Erfolg. Berger schreibt, seine Erfahrungen seien »exemplarisch« für die Situation der katholischen Kirche. Genau darin liegt die Schwäche seines Buches, denn der Leser hat keinen Vergleich, er weiß nicht, wie repräsentativ die Beispiele tatsächlich sind. Ist die Geheimorganisation Opus Dei wirklich so mächtig, wie Berger behauptet? Was soll man sich unter dem Satz vorstellen, der unter Traditionalisten übliche Antijudaismus sickere mehr und mehr in die Gesamtkirche ein? Erhalten die Schulen der rechtsradikalen Pius-Bruderschaft immer noch 1,2 Millionen Euro vom Steuerzahler? Laut Berger missbrauchte Bischof Mixa irdische Spendengelder und kaufte davon ein himmlisches Heimsolarium, vermutlich um sich im Kampf gegen die »Diktatur des Relativismus « fit zu halten. Ein Einzelfall? Oder dies: Fließen Spendengelder für die Organisation Kirche in Not immer noch in rechtskatholische Kanäle. Und wie einflussreich sind katholische Internetportale, auf denen Hassprediger einen »Kampf gegen das Weltjudentum, gegen den Blut- und Homopräsidenten? der USA und die westliche Dekadenz« führen und die Love-Parade als »Selbstverherrlichungs-Orgie der Verdammten aus der Unterschicht« bezeichnen. »Kondome und Pille taten ihr Übriges, dass sich dieser Menschenmüll vermehren konnte. Es ist Zeit, dass dieser Unrat von der nächsten Sintflut aus den Straßen gewaschen wird.« Unter Papst Johannes Paul II. stand die katholische Kirche im Zenit ihres Ansehens, sie war eine Weltkirche, eine globale moralische Autorität. Mit der Rehabilitierung des Holocaustleugners Williamson, so Berger, sei die Stimmung umgeschlagen, und seit den Missbrauchsskandalen befinde sich die katholische Kirche in der größten Krise seit der Reformation. Nun stehe sie am Scheideweg. Entweder kehre Benedikt XVI. zum weltoffenen Geist des Zweiten Vatikanums zurück ? oder er fördere weiterhin die Sezession aus der liberalen Gesellschaft, den Rückzug der Erleuchteten und Erwählten auf den Fels Petri. Für den zweiten, den reaktionären Weg spreche Benedikts Absicht, die Piusbrüder »ohne Vorbedingungen« in den Schoß der Kirche zurückzuholen, eine Bruderschaft, die einen Kreuzzug gegen die Moderne führe und den Menschenrechten und der Demokratie den Kampf angesagt habe für eine neue Theokratie einschließlich Todesstrafe und Katholizismus als Staatsreligion.
Berger duldet keinen Zweifel: Würde der Papst alle Sekten und alle Spökenkieker wieder in seine Arme schließen, dann hätte er zwar die Einheit des Glaubens wiederhergestellt, aber die Gestalt der Kirche wäre eine ganz andere: Sie wäre die größte Sekte der Welt.




[...] des (organisierten) Glaubens ja dadurch. Das Buch des im Artikel interviewten David Berger “Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche” ist sicher auch recht [...]
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