Der sogenannte Cloyne-Report war die vierte größere Veröffentlichung innerhalb von sechs Jahren über das Vertuschen von Missbrauch in der katholischen Kirche in Irland. In der Diözese Cloyne war Bischof John Magee tätig, dessen Rücktritt Papst Benedikt XVI. im vergangenen Jahr akzeptiert hatte. Ihm war nachgewiesen worden, die Untersuchungen fehlgeleitet zu haben. Außerdem wurden ihm “Fehler beim Schutz von Kindern“ vorgeworfen. Der irische Premier Enda Kenny hatte mit Bezug auf den Report dem Vatikan mit ungewöhnlich harschen Worten vorgeworfen, Untersuchungen behindert und die Vergewaltigung von Kindern heruntergespielt zu haben. Anstatt Schritte gegen das Unrecht zu unternehmen, sei der Vorrang der Institution Kirche hochgehalten, ihre Macht und ihr Ruf betont worden. Der Vatikan sei “abgehoben“, sagte der Premierminister. Noch nie zuvor hatte ein hochrangiger irischer Politiker solch harsche Worte in Richtung Vatikan ausgesprochen. Kennys Rüge hatte sich auch Dublins Erzbischof Diarmuid Martin angeschlossen. Daraufhin hat der Vatikan seinen Botschafter in Irland zurückbeordert. Der Heilige Stuhl reagierte damit auf die Veröffentlichung des sogenannten Cloyne-Reports und vor allem auf die nachfolgenden harschen Vorwürfe des irischen Premierministers Enda Kenny.
Immer mehr Wikileaks-Enthüllungen bringen den Vatikan in Bedrängnis. So zitiert die “New York Times” aus Depeschen, dass US-Diplomaten “Überbleibsel antisemitischer Einstellungen” unter Mitarbeitern des Vatikan äußerten. Laut einer Depesche aus dem Jahr 2002 soll ein älterer Vatikan-Mitarbeiter das Interesse der US-Regierung am modernen europäischen Antisemitismus mit dem “exzessiven Einfluss von Juden” in US-Medien und -Regierung erklärt haben. Außerdem hat der Vatikan laut anderen Enthüllungen eine Mitarbeit bei der Untersuchung von Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche in Irland verweigert. Das geht der britischen Zeitung “Guardian” zufolge aus vertraulichen Telegrammen der US-Botschafterin im Vatikan, Julieta Valls Noyes, hervor. Der Vatikan hat sich demnach geweigert, seine Mitarbeiter vor der irischen Kommission zur Untersuchung von Missbrauchsfällen aussagen zu lassen. Die irische Regierung habe dem Kirchen-Druck nachgegeben und Mitarbeitern des Vatikans Immunität gewährt. Nach der nun veröffentlichten Einschätzung der irischen Gesandtschaft habe die “mangelnde Kooperation” des Vatikans die Situation um den Missbrauchsskandal verschlimmert.
Der vom irischen Justizministerium veröffentlichte Report der Murphy-Kommission kam 2009 zu dem Schluss, dass die Erzdiözese Dublin über mehr als 30 Jahre Kindesmissbrauch durch Geistliche systematisch vertuscht habe. Als “äußerst gravierend” hat der Vatikan die Veröffentlichung einer Reihe von Depeschen der Aufdecker-Website Wikileaks über Papst Benedikt XVI. und den Heiligen Stuhl bezeichnet. Der Vatikan wolle den Inhalt der Depeschen nicht kommentieren, war in einer am Samstag veröffentlichten Presseaussendung zu lesen.
weitereführende Links:
weitere Wikileaks-Enthüllungen zum Vatikan
US-Diplomaten: Kardinäle “technophob und ignorant”
In Deutschland stürzt sich die Presse auf Missbrauchsskandale im katholischen Erziehungsmilieu. Medien wie Kirche betonen das moralisch Verwerfliche der Taten. Empörung allerorten. Wenn man freilich die Diskussion auf Grundsätzliches hin reflektiert, stellt sich eine ganz andere Frage: Entspringt das Verhalten der vorgesetzten kirchlichen Instanzen, ihnen bekannt gewordene Straftaten nicht den Staatsanwaltschaften zu melden, sondern sie interner Behandlung vorzubehalten, womöglich der religiösen Grundüberzeugung, dass die katholische Kirche über ein Recht verfügt, welches sie auch gegenüber dem säkularen Rechtsstaat in eigener Souveränität praktiziert? Die Kirche hat eine eigene, jahrhundertealte Strafgerichtsbarkeit; Höchststrafe ist die Exkommunikation. Das Problem pädophiler Priester ist in diesem Corpus allerdings nicht angemessen berücksichtigt. Im Codex des kanonischen Rechts von 1917 war eindeutig geregelt, dass Kleriker prinzipiell der weltlichen Gerichtsbarkeit entzogen sein sollten. Im Codex von 1983 wird dieser Anspruch, das sogenannte Klerikerprivileg, nicht mehr ausdrücklich erhoben. In theologischer Sicht können Gnade und Vergebung auch nicht einfach an die Stelle der Gerechtigkeit treten.
weiterlesen hier:…
Eugen Drewermann
Eugen Drewermann, katholischer Theologe und Psychotherapeut, sprach mit dem Tagesspiegel über den Druck des Priesteramts und Missbrauchsfälle in der Kirche. Eugen Drewermann (69) wurde 1991 die katholische Lehrbefugnis entzogen, ein Jahr später verlor er das Priesteramt unter anderem wegen seiner Haltung zur Moraltheologie des Vatikans.
Die katholische Kirche hat das Bild einer von Gott gesetzten, heiligen Institution. Alle Fehler, die passieren, gehen zurück auf das Konto fehlbarer Menschen – nie auf die Kirche. Die Abspaltung von Institution und Person erlaubt nicht die geringste Erfahrungskorrektur. Es gibt keine Rückkopplung. Es gibt nur zwei Ebenen, die miteinander nicht zusammenkommen können. Das ist ein monolithischer und nach unten hierarchisch organisierter, heiliger Apparat, der Gottes Gnade vom Himmel auf die Erde herab- führen soll. Ganz sicher wird nicht in diesem System darüber nachgedacht werden, wie es selber als System und als Idealsetzung die Ursache für so viel Leid ist. Das kann nicht gedacht werden. Dies ist undenkbar, oder das ganze System würde gesprengt werden durch die Erkenntnis, dass die Sexualmoral verkehrt ist, dass das Papsttum verkehrt ist, dass die Spaltung zwischen Gott und Mensch verkehrt ist, dass der Unfehlbarkeitsanspruch verkehrt ist, dass die Unterdrückung der freien Meinung durch das Gehorsamsgebot menschlich und religiös nicht zu halten ist. Es ist nicht irgendwas, was da falsch läuft, die Frage der Sexualität ist ein schweres Symptom, aber sie ist nur ein Thema. Ein Oberflächensymptom für eine Grundstruktur, die im Ganzen nicht stimmt.
weiterlesen hier…
Weiterer Artikel im “Der Westen” – “Katholische Kirche ist größte Schutzorganisation für Pädosexuelle“

Ein katholischer Orden “Sisters of Mercy” in Irland hat angekündigt, in seiner Obhut misshandelte Kinder mit insgesamt 128 Millionen Euro zu entschädigen. Die Entschädigung solle der “Versöhnung” und “Heilung” dienen, erklärte der Orden der Barmherzigen Schwestern. Die Nonnen fügten hinzu, sie seien “zutiefst traurig” über die von die “von den Kindern durchgemachten Leiden”. Im Mai war der sogenannte Ryan-Bericht veröffentlicht worden, der massiven sexuellen Missbrauch sowie andere körperliche und seelische Misshandlungen von Kindern in katholischen Einrichtungen seit den 1930er Jahren aufdeckte. Darin waren auch die Zustände in mehreren von den Barmherzigen Schwestern betriebenen Schulen kritisiert worden. Die Nonnen hätten dort mit harten Strafen wie Schlägen und Demütigungen in der Öffentlichkeit ein “beständiges Klima der Angst” geschaffen. Vor den Barmherzigen Schwestern hatte im November der Orden der Christlichen Brüder eine Entschädigung misshandelter Kinder in Höhe von 161 Millionen Euro angekündigt. Dem Orden war in dem Ryan-Bericht vorgeworfen worden, sexuellen Missbrauch von Kindern in seinen Einrichtungen zugelassen zu haben. Der Ryan-Bericht hatte Irland tief erschüttert. Eine Kommission unter dem Vorsitz des Richters Sean Ryan hatte neun Jahre lang die Zustände in katholischen Einrichtungen untersucht.



