Mrz 25
Die Vatikan AG
Gianluigi Nuzzi
Vatikan AG: Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche.
336 Seiten, Ecowin Verlag; Auflage: 1., Aufl.
22,50€, ISBN 978-3902404893
Die Vatikanbank wusch jahrelang das Geld der Mafia weiss – mit dem Segen des damaligen Papsts Johannes Paul II. Es sind nicht nur Pädophilie-Skandale, welche die katholische Kirche gerade erschüttern: Das neu erschienene Buch «Vatikan AG» gewährt Einblick hinter die Kulissen der Vatikanbank – und zeigt Sauereien von biblischem Ausmass auf: Milliarden von Euro sind mit dem Wissen von Päpsten und Kardinälen in den heiligen Hallen weissgewaschen worden. Hohe Mafiabosse hätten genauso auf der Kundenliste gestanden wie italienische Ministerpräsidenten. Bereits die Entstehungsgeschichte des Sachbuchs liest sich wie ein Thriller: Renato Dardozzi, ein hochrangiger Manager der Vatikanbank vererbt tausende von Belegen, Briefen und Dokumenten dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi. Abgeholt hat der Journalist die Unterlagen in Begleitung zweier Bodyguards. Der siebenfache ehemalige Ministerpräsident Giulio Andreotti habe rund sechzig Millionen Euro über die Bank gewaschen – selbstverständlich unter einem Codenamen. «Omissis» sei sein Deckname gewesen. Und Papst Johannes Paul II, mit bürgerlichem Namen Karl Wojtyla, habe dieses System wissentlich gedeckt. Der Vorteil für die katholische Kirche sei ebenfalls evident gewesen: Man weiss von den verbrecherischen Verstrickungen der Kundschaft – und kann so, falls es vonnöten ist, ebenfalls Druck auf diese ausüben. Hinter den Wänden des Vatikans wurde also nicht nur Geld gewaschen; eine Hand wusch auch die andere.
Nov 27
… gewaschenes Geld
Die römische Staatsanwaltschaft überprüft suspekte Konten-Verbindungen der Vatikanbank IOR zur italienischen Bank Unicredit. Die italienische Finanzpolizei untersucht Medienberichten zufolge Bankgeschäfte des Vatikans wegen des Verdachts der Geldwäsche. Bei den Konten, deren Inhaber «aus Mangel an Transparenz» unklar seien, bestehe der Verdacht auf Geldwäsche. Etwa 180 Millionen Euro seien in den vergangenen drei Jahren über Konten der IOR-Bank bei einer Unicredit-Filiale in Vatikan-Nähe geflossen, wie die Tageszeitung «Il Giornale» am Donnerstag berichtete. Das IOR war in der Vergangenheit wiederholt wegen undurchsichtiger Geschäfte in die Schlagzeilen geraten. Es hat erst seit kurzem eine neue Führung. Im neuen Fall werde mit äusserster Diskretion ermittelt, und im Momente sei noch niemand angeklagt worden, heisst es in dem Bericht. Die Staatsanwälte wollten jedoch wissen, wer sich hinter den Konten verbirgt und ob die Konto-Verbindungen der IOR-Bank (Institut für die religiösen Werke) zur Unicredit als eine Art Schutzschirm oder Kanal für den Geldfluss zwischen der Vatikanbank und Italien gedient haben könnten. Die Vatikan-Bank hat 130 Mitarbeiter, 44’000 Konten und geschätzte Einlagen in Höhe von etwa fünf Milliarden Euro. Der Vatikan äusserte sich nicht zu den Ermittlungen.
Für die Vatikanbank wäre es nicht das erste Mal, dass sie mit Geldwäsche in Verbindung gebracht wird. In der 67-jährigen Geschichte hat das Ior mehrfach mit Skandalen von sich reden gemacht. Unter der Führung von Paul Marcinkus etwa war die Bank mit der Banco Ambrosiano von Roberto Calvi verwickelt, die wiederum Geld der Mafia wusch. Calvi spekulierte mit den Millionen des Vatikans, machte sich aber beim Papst Johannes Paul II. beliebt, weil er die Gewerkschaft Solidarnosc in Polen mit Geld versorgte. Letztlich verspekulierte sich Calvi jedoch und saß auf Milliardenschulden, bevor man ihn 1982 erhängt unter der Londoner Blackfriars Bridge fand. Obwohl die Szene nach Selbstmord aussah, schloss die Staatsanwaltschaft einen Mord nicht aus. Marcinkus wurde dank seines Diplomatenpasses von der Justiz nicht belangt. Marcinkus’ Nachfolger Angelo Caloia trat 1989 an. Im September 2009 übernahm Ettore Gotti Tedeschi die Führung.
Sep 14
Alessandro Vantini besuchte als Kind eine Taubstummen-Schule der katholischen Kirche in Verona. Dort wurde er nach eigener Darstellung über Jahre hinweg von Geistlichen sexuell misshandelt. Seinem Klassenkameraden Gianni Bisoli erging es nicht anders, er soll sogar vom damaligen Bischof von Verona missbraucht worden sein. Beide Opfer haben jahrzehntelang über ihre schrecklichen Erfahrungen geschwiegen. Erst heute – im Alter von 59 beziehungsweise 60 Jahren – sind sie zu einer öffentlichen Aussage bereit. «Ich habe bis zu meinem 30. Lebensjahr an Depressionen gelitten», sagt Vantini, der die Taubstummen-Schule 13 Jahre lang besuchte. «Meine Frau hat mich darin bestärkt, die Sache publik zu machen, und mir wurde damit ein riesiges Gewicht von den Schultern genommen.» Auf die Frage, warum er das nicht früher getan hat, lässt Vantini über seinen Gebärdensprachen-Dolmetscher mitteilen: «Wie hätte ich meinem Vater erzählen können, dass ich Sex mit einem Priester habe. Die Priester hätten mich verprügelt.» Offizielle Statistiken über sexuelle Übergriffe von Geistlichen auf Minderjährige liegen in Italien nicht vor. Die Kirche gibt keine Zahlen preis, und auch der Vatikan hüllt sich bislang in Schweigen. Die Nachrichtenagentur AP hat auf der Basis von Medienberichten, Angaben von Opfergruppen und Blogs von Betroffenen eine Liste aller dokumentierten Fälle des vergangenen Jahrzehnts erstellt. Demnach gab es mindestens 73 Missbrauchsfälle mit rund 235 Opfern. Dies mag wenig klingen angesichts der jüngsten Welle von Anschuldigungen gegen Geistliche in den USA oder in Irland. Den AP-Recherchen zufolge hat die italienische Kirche bislang auch nur ein paar hunderttausend Euro Schadensersatz gezahlt – im Gegensatz zu 2,6 Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro) in den USA und 1,1 Milliarden Euro in Irland. Doch breitet sich langsam der Verdacht aus, dass hier erst die Spitze des Eisbergs entdeckt wurde. Und das Potenzial erscheint geradezu erschreckend: Mit 50.850 Priestern hat Italien die weltweit größte Dichte katholischer Geistlicher. ganzen Beitrag lesen… »
Aug 31
Danach dürfen italienische Religionslehrer nicht mehr Maturanoten in der Schulkonferenz mitbestimmen. Das Gericht hat beschlossen, dass Schüler, die an der katholischen Religionsstunde teilnehmen, kein Anrecht auf eine bessere Maturanote haben. Die zusätzlichen Punkte bei der Berechnung der Maturanote, die die Teilnehmer an der Religionsstunde bisher erhalten konnten, sei nicht legitim, weil sie Schüler diskriminieren, die anderen Konfessionen angehören und an diesem Unterricht nicht teilnehmen. In Italien werden die Noten der Maturafächer nicht einzeln, sondern nach einem Punktesystem gesammelt ausgewiesen: Je höher die Gesamtpunktezahl aus den Fächern, desto besser. “Mit Auszeichnung” maturiert man in Italien, wenn man die Maximalpunktezahl von 100 erreicht. Mit anderen Worten, Schüler die nicht am katholischen Relegionsunterricht teilnahmen, könnten bisher nie mit “Auszeichnung” bestehen?
Da die Religionslehrer nicht zur Schlussnote der Matura beitragen können, hätten sie auch kein Recht, an der Lehrerkonferenz teilzunehmen, urteilte das Verwaltungsgericht. Es gab somit der Forderung einiger laizistischer Organisationen statt. Der Beschluss des Verwaltungsgerichts stieß in katholischen Kreisen auf helle Empörung. “Damit siegt der schlimmste Rationalismus, der jede Identität ausradieren will”, protestierte Bischof Diego Coletti, Präsident der Kommission für die katholische Bildung der italienischen Bischofskonferenz CEI. Er forderte die katholischen Parteien und Organisationen auf, gegen den Beschluss zu protestieren. Selbst die Bildungsministerin Maria Stella Gelmini protestierte heftig gegen den Beschluss und kündigte Rekurs an.