Mai 14
Als die bürgerliche Revolution in Italien 1870 die feudale und weltliche Herrschaft des Papstes stürzte, protestierte Pius IX. auf das schärfste und schleuderte gegen alle am »Raub des Patrimonium Petri« Beteiligten den Kirchenbann (Exkommunikation). Zwar nahm sein Nachfolger Leo XIII., der sein Pontifikat am 20. Februar 1878 antrat, die Verdammung nicht zurück, vollzog aber auf der Stelle einen Frontwechsel. Mit dem Gespür, das aus dem Jahrtausende alten Haß gegen alles Fortschrittliche erwuchs, hatte der Klerus die Gefahr erkannt, die 1876 durch die Gründung der sozialistischen Arbeiterföderation in Italien entstanden war, und reagierte. Der Hauptfeind waren nunmehr die marxistische Arbeiterbewegung und alle, die sich an ihre Seite stellten oder auch nur mit ihr sympathisierten, darunter selbst Reformer in den eigenen Reihen. Die Kurie bezog nunmehr offen Position für das kapitalistische Ausbeutungssystem als von Gott gewollter Ordnung. Das hieß nicht, daß der Feudalismus aufgegeben wurde. Dort, wo seine Überreste in Form von vorbürgerlichen Monarchien oder auch nur deren Überbleibseln, aber auch von politischen Strömungen und Sammelbecken reaktionärer Kreise weiter existierten, hatten (und haben noch heute) die volle Unterstützung aus Rom.
Der Bogen des kurialen Bündnisses spannt sich von der Unterstützung der faschistischen Aggressionskriege der Regime Hitlers und Mussolinis über die Rettung von Nazi- und Kriegsverbrechern vor ihrer Bestrafung nach 1945 (auf der »Rattenlinie« nach Südamerika) zum Beitrag zur Reorganisation des Faschismus in Italien und der Aufnahme seiner Vertreter in die Regierungen unter dem Medientycoon Berlusconi. Er reicht zu den Seligsprechungen des Gründerpräsidenten des klerikal-faschistoiden Opus Dei, Escriva de Balaguer, und des früheren Erzbischofs von Zagreb, Kardinal Stepinac, in dessen Bistum zwischen 1941 und 1945 über eine halbe Million Serben ermordet wurden, durch Johannes Paul II. oder die der 498 Kreuzritter Francos, die im Priestergewand an der Niederschlagung der Spanischen Republik 1936-39 teilnahmen, durch Benedikt XVI. und dessen Versöhnung mit den klerikalfaschistischen Piusbrüdern.
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Apr 30
Ein Wunder muss ja sein …
Wenige Tage vor der Seligsprechung von Johannes Paul II. haben prominente Theologen, Politiker und kirchliche Gruppen Vorwürfe gegen den verstorbenen Papst erhoben. Die Kritik richtet sich besonders um das Verhalten des Pontifex gegenüber den Befreiungstheologen Lateinamerikas. In dem ökumenischen Aufruf, den auch der Theologe Hans Küng und CDU-Politiker Heiner Geißler unterzeichnet haben, heißt es, Romero habe 1979 bei einer Papst-Audienz kein Gehör gefunden. 1980 wurde er während einer Messe durch einen Killer der sogenannten Todesschwadronen erschossen. Die Unterzeichner rufen daher dazu auf, am 1. Mai nicht den verstorbenen Papst zu verehren, sondern Romero. Nach Ansicht von Geißler habe Johannes Paul II. die Armen Lateinamerikas durch seine fehlende Unterstützung für Romero “regelrecht verraten”. Der Antikommunismus des früheren Papstes habe zwar zum Fall des Ostblocks beigetragen, doch habe er den Pontifex auch verblendet. Johannes Paul habe “dauernd die Falschen zu Heiligen ernannt”, etwa den wegen seiner Kontakte zu Militärdiktatoren umstrittenen Opus-Dei-Gründer Josemaría Escrivá. Johannes Paul habe «ein autoritäres Lehramt ausgeübt» und «die Menschenrechte von Frauen und Theologen unterdrückt», sagte der Kirchenkritiker und Theologe Hans Küng der «Frankfurter Rundschau». Diese dunklen Seiten seien im Seligsprechungsprozess unberücksichtigt geblieben. Der polnische Papst sei «intolerant und unwillig zum Dialog» gewesen. Küng äusserte scharfe Kritik am Vorgehen von Papst Benedikt XVI., der die Seligsprechung seines Vorgängers in Rekordzeit vorangetrieben hatte: «Der Nachfolger spricht den Vorgänger selig? Da geht es doch in Rom zu wie zu den Zeiten der Cäsaren, die den jeweils vorangegangenen Kaiser zum Gott erhoben.» Küng schrieb Johannes Paul II. und seinem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger, dem jetzigen Papst, auch eine systematische Vertuschung des Skandals um tausendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester zu. Persönlich habe Johannes Paul II. mit dem Ordensgründer Marcial Maciel Degollado einen “notorischen Kinderschänder” geschützt. Der Gründer der Kongregation der Legionäre Christi soll mehrere Seminaristen sexuell missbraucht haben. Johannes Paul II. galt als ein großer Förderer des Ordens. Der Vatikan sieht die Vorwürfe als erwiesen an.
Apr 21
Der dunkle Vatikan
Ein italienische Enthüllungsjournalist Carmelo Abbate berichtet detailliert über das ausschweifende Sexualleben katholischer Priester und Nonnen. Sexuelle Enthaltsamkeit, nicht weniger müssen Priester und Nonnen geloben, die im Dienste der katholischen Kirche stehen. Doch nicht alle können oder wollen sich an ihr Gelübde halten. Im Buch geht es nicht um pädophile Priester, sondern um das heimliche Ausleben der Sexualität, schreibt «Le Matin» und zitiert Abbate: «Es geht um die versteckte Sexualität, um Doppelleben. Das Zölibat funktioniert nicht und hat nie funktioniert. Sex ist in der katholischen Kirche omnipräsent.» Auf 400 Seiten lässt Abbate Priester und Nonnen anonym zu Wort kommen. Das Buch handelt von Sadomaso-Sex im Schwulenmilieu, von heimlichen Geliebten und von verleugneten Kindern. In einem Auszug zitiert Abbate ein Gespräch, das er mit einem in Italien bekannten Priester in einer Disco gehabt haben soll. Zwanzig Ave Maria genügten, um zu büssen, dass er mit einer Frau gegangen sei, so der Priester. «Während vieler Jahre mischte ich mich unter die Nachtvögel, die die Clubs in der Toskana (…) frequentierten.» Er habe sich bis zum Morgengrauen vergnügt. Frauen habe er danach im Auto oder im Studio getroffen. Insgesamt habe er mit sieben bis acht Frauen im Jahr Sex gehabt. Abbate zitiert auch den Brief einer Deutschen, die seit Jahren eine heimliche Beziehung zu einem Priester unterhält. Sie leidet darunter, dass sie sich stets verstellen muss. «Für seine Gemeindemitglieder bin ich die Haushälterin, die sich um seinen Haushalt und seine Wäsche kümmert. (…) Mein Freund ist ein zerrissener Mann. Seine Schuldgefühle fressen ihn auf.» In einem anderen Kapitel beschreibt der Journalist, wie ein Priester einen jungen Mann zu seinem «Sklaven» macht.
Dez 14
Geldwäsche
Im Jahre 2009 wurde gegen die Bank des Vatikan schon einmal Geldwäschevorwürfe laut. Auch in diesem Jahr treffen den Vatikan erneute Vorwürfe. Im September gab es einen erneuten Verdacht, so das die italienische Polizei erst einmal 23. Mio. € beschlagnahmte. Der Vatikan dementierte schnell und versuchte die ganze Angelegenheit als Mißverständnis darzustellen. Jetzt bekannt gewordene Gerichtsakten beweisen aber, dass der Vatikan bewusst die Anti-Geldwäsche Gesetze umging, mit dem Ziel, den Ursprung und die Herkunft des Kapitals zu verschleiern. Die Dokumente erzeugten bei den Ermittlern auch den Verdacht, dass der Klerus weiter mit korrupten Geschäftsleuten und der Mafia gehandelt habe. Die Beamten lokalisierten weiterhin aus den Dokumenten zwei Transaktionen, die nicht gemeldet wurden: eine im Jahr 2009, unter Verwendung eines falschen Namens, und eine andere im Jahr 2010, in dem die Vatikan Bank 650000€ von einem italienischen Bankkonto einzog, aber die Transaktion nicht offen legte. Die neuen Vorwürfe der finanzielle Unregelmäßigkeiten kommen zu einem sehr schlechteren Zeitpunkt für den Vatikan, der bereits von den Wikileaks-Veröffentlichungen, dass er pädophile Priester beschützt hat, schwer getroffen ist. Die Korruptionsvorwürfe haben den Überlebenden des Naziregimes neue Hoffnung gegeben, dadurch eine weitere Chance zu erhalten, den Vatikan erneut in den USA zu verklagen, damit die Vatikan-Bank Auskunft über dort gelagerte Nazi-Beute aus dem Holocaust geben muss.
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Dez 13
Immer mehr Wikileaks-Enthüllungen bringen den Vatikan in Bedrängnis. So zitiert die “New York Times” aus Depeschen, dass US-Diplomaten “Überbleibsel antisemitischer Einstellungen” unter Mitarbeitern des Vatikan äußerten. Laut einer Depesche aus dem Jahr 2002 soll ein älterer Vatikan-Mitarbeiter das Interesse der US-Regierung am modernen europäischen Antisemitismus mit dem “exzessiven Einfluss von Juden” in US-Medien und -Regierung erklärt haben. Außerdem hat der Vatikan laut anderen Enthüllungen eine Mitarbeit bei der Untersuchung von Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche in Irland verweigert. Das geht der britischen Zeitung “Guardian” zufolge aus vertraulichen Telegrammen der US-Botschafterin im Vatikan, Julieta Valls Noyes, hervor. Der Vatikan hat sich demnach geweigert, seine Mitarbeiter vor der irischen Kommission zur Untersuchung von Missbrauchsfällen aussagen zu lassen. Die irische Regierung habe dem Kirchen-Druck nachgegeben und Mitarbeitern des Vatikans Immunität gewährt. Nach der nun veröffentlichten Einschätzung der irischen Gesandtschaft habe die “mangelnde Kooperation” des Vatikans die Situation um den Missbrauchsskandal verschlimmert.
Der vom irischen Justizministerium veröffentlichte Report der Murphy-Kommission kam 2009 zu dem Schluss, dass die Erzdiözese Dublin über mehr als 30 Jahre Kindesmissbrauch durch Geistliche systematisch vertuscht habe. Als “äußerst gravierend” hat der Vatikan die Veröffentlichung einer Reihe von Depeschen der Aufdecker-Website Wikileaks über Papst Benedikt XVI. und den Heiligen Stuhl bezeichnet. Der Vatikan wolle den Inhalt der Depeschen nicht kommentieren, war in einer am Samstag veröffentlichten Presseaussendung zu lesen.
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US-Diplomaten: Kardinäle “technophob und ignorant”