159 “auffällige” Priester, hohe Dunkelziffer, systematische Vertuschung: Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Bistums München und Freising zu den Missbrauchsfällen der Vergangenheit. Die Gutachterin bemängelte ein “klerikales Selbstverständnis”, Skandale zu vermeiden. Das Erzbistum München und Freising hat den Bericht über Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen vorgelegt. Das Dokument von Gutachterin Westphal macht deutlich, dass in der Vergangenheit sexuelle Übergriffe und körperliche Gewalt oft verschwiegen wurden. Das unabhängige Gutachten erstellte die Rechtsanwältin Marion Westpfahl ; sie untersuchte und analysierte die Akten des Erzbistums München und Freising auf Misshandlung und Missbrauchsfälle. In dem Bericht werden sexuelle Übergriffe und körperliche Gewalt durch Priester, Diakone oder sonstige pastorale Mitarbeiter zwischen 1945 und 2009 thematisiert. Mindestens 159 Diözesan-Priester sollen “auffällig” geworden sein. Alle Priester seien aber bereits verstorben, nur 26 verurteilt worden. Westphal geht aber von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus, wie sie bei der Vorstellung des Berichts betonte. Westphal bemängelte, vielfach sei das bestehende Material unzureichend, gebe es “offenkundige Lücken”, um tatsächlich klare und umfassende Aussage über die Zahl der Täter und Opfer machen zu können. Die Katholische Kirche habe stets versucht, so die Erkenntnis, bei Bekanntwerden eines Missbrauchsfalles einen Skandal zu vermeiden. Dass Fälle unaufgeklärt geblieben seien, dafür machte die Rechtsanwältin das ” klerikale Selbstverständnis” und systematische Vertuschung aus.
Was nützen die besten Worte, wenn sie über die Wirklichkeit hinwegtäuschen? Dieser Spruch des Schriftstellers Kurt Tucholsky bringt die Papst-Erklärung zum tausendfachen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche auf den Punkt. Ja, die Bitte um Vergebung ist natürlich richtig. Sie kommt allerdings reichlich spät und wirkt allein schon deswegen gequält. Ein Schuldeingeständnis sollte es ohnehin nicht sein. Dass Benedikt XVI. zu den notwendigen Konsequenzen, die aus den Verbrechen zu ziehen sind, herzlich wenig gesagt hat, macht deutlich: Er ist ein Gefangener eines katholischen dogmatischen Selbstverständnisses: unfehlbar, unnahbar, unbelehrbar. In der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts ist der Vatikan jedenfalls nicht angekommen und trauert jetzt seit Jahrzenten noch dem Mittelalter nach. Kein Satz zur Aufweichung oder sogar Abschaffung des Zölibats, was auch deutsche Bischöfe schon befürworteten. Die konservativ-autoritären Strukturen der katholischen Kirche bleiben unantastbar. Von der staatsrechtlichen strafrechtlichen Verfolgung bei neuen Missbrauchsfällen will der Papst nichts wissen. Man kann es drehen und wenden wie man will: Für die Öffentlichkeit und auch für die katholische Reformbewegung, war die Messe kein Befreiungsschlag geschweige den ein Aufbruch. Sie hat nur dem Ansehen des Pontifex Maximus weiter geschadet.
Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt gegen einen Priester des Bistums Mainz wegen des Vorwurfs der sexuellen Nötigung. Der Mann, der zuletzt als Auslandspfarrer in Washington (USA) arbeitete, wurde vom Bistum inzwischen nach Deutschland zurückgeholt und bis zur Klärung der Vorwürfe von allen Aufgaben entbunden. Womöglich leitet die Staatsanwaltschaft auch Ermittlungen gegen das Schönstatt-Institut in Simmern ein, dem der Pfarrer angehörte. Dort habe man seit 2004 von den Vorwürfen gewusst, heißt es in einer Mitteilung des Bistums. Sie waren der Grund dafür, dass der Priester ins Ausland geschickt wurde. Schon damals soll sich ein Opfer an die Institutsleitung gewandt haben. Der Leiter bat daraufhin den Mainzer Bischof Karl Lehmann, den Priester nicht mehr im Bistum einzusetzen, sondern ihm eine Zeit der Besinnung im Ausland zu gewähren. Nach Mitteilung des Bistums Mainz soll der Pfarrer von Ende der achtziger Jahre bis in die frühen neunziger Jahre sexuelle Beziehungen zu mehreren weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen unterhalten haben, die sich ihm in seiner Eigenschaft als Seelsorger der Schönstatt-Mädchenjugend anvertrauten.
Dämon?
In der Missbrauchsaffäre gerät der Papst in Bedrängnis. Hinweise auf den pädophilen US-Priester Lawrence Murphy gingen einst direkt an das Büro von Kardinal Joseph Ratzinger. Donnerstag spätabends ist es schon fast wie Ostern. Der Petersplatz leuchtet, und aufgedrehte Gruppen eines Weltjugendforums feiern singend und klatschend ihren Papst, jene ins Weiß der Reinheit gewandete Gestalt, die gerade vom “Fest der Verkündigung des Herrn” gesprochen hat – “ganz so, als wäre nichts geschehen”. Das sagt Peter Isely. Er steht eine Straßenecke entfernt von dem Spektakel und ist ziemlich entschlossen, dem Papst sein Erlösungsfest zu verderben. Isely ist aus Milwaukee, US-Bundesstaat Wisconsin, gekommen. Ein 49-jähriger Banker mit Stoppelschädel und einer Frage, die ihn umtreibt, seit er 13 ist: “Wieso ist meine Kirche die einzige Institution, in der Kinderschänder weiterbeschäftigt werden?” Peter Isely ist zum ersten Mal in Rom. Die Kapuziner in der St. John’s School for the Deaf, einer Schule für Gehörlose, hatten ihm von der Schönheit der Stadt erzählt, auch jener Mann, der damalige Direktor, der dann etwas tat, was Isely heute als “einem die Seele herausreißen” beschreibt. “Du siehst die Hand, die dir die Hostie reicht, und es ist dieselbe Hand, die dich missbraucht hat.” Schon am Morgen stand Isely mit anderen Opfern auf dem Petersplatz, zeigte Fotos und trug das Seine dazu bei, dass Ihre Heiligkeit ein wenig mehr in jenen Mahlstrom von Schweigen und Aufdecken geriet, der die katholische Kirche in ihre ernsthafteste Krise seit Jahrzehnten gebracht hat. Während auf dem Petersplatz die Kübel mit Olivenbäumen abgeladen wurden, fürs Osterfest, erzählte Isely von “Father” Lawrence Murphy aus Milwaukee: “Dieser Priester hat sich an über 200 Jungen meiner Schule vergangen. Joseph Ratzinger ist verantwortlich dafür, dass dieser Murphy nie seines Priesteramts enthoben wurde.” Er wolle keinen Rücktritt, sagt Isely: “Ich will nur, dass er seine Schuld eingesteht.” Er, der jetzige Papst. Die Affäre um den Missbrauch von Kindern durch Priester hat den Vatikan erschüttert, wie es weder die Regensburger Rede getan hat noch die “Piusbrüder-Affäre” um den Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson. Die Vatikan-Zeitung “Osservatore Romano” bezichtigte die Medien deswegen der “klaren und schäbigen Absicht, Benedikt und seine engsten Mitarbeiter um jeden Preis zu schädigen”.
Die Nerven liegen offensichtlich bloß. Die nächste Welle der Aufdeckungen könnte gleich vor den Toren des Vatikans ins Rollen kommen. Denn selbst in Italien, wo ein Großteil der Jugendarbeit in Händen der Kirche liegt, beginnt die Omertà zu bröckeln. Opfergruppen haben sich in Sizilien, der Emilia-Romagna und den Nordregionen gegründet. Für September ist in Verona ein erster Kongress geplant, unter dem Motto: “Auch ich habe Gewalt von Priestern erlitten”. Die Kurie dort hatte jahrelang den Missbrauch taubstummer Kinder in einer Schule von Chievo verschleiert.
Textauszug aus der Printausgabe “Der Spiegel” 13/2010
Die Vatikan AG
Gianluigi Nuzzi
Vatikan AG: Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche.
336 Seiten, Ecowin Verlag; Auflage: 1., Aufl.
22,50€, ISBN 978-3902404893
Die Vatikanbank wusch jahrelang das Geld der Mafia weiss – mit dem Segen des damaligen Papsts Johannes Paul II. Es sind nicht nur Pädophilie-Skandale, welche die katholische Kirche gerade erschüttern: Das neu erschienene Buch «Vatikan AG» gewährt Einblick hinter die Kulissen der Vatikanbank – und zeigt Sauereien von biblischem Ausmass auf: Milliarden von Euro sind mit dem Wissen von Päpsten und Kardinälen in den heiligen Hallen weissgewaschen worden. Hohe Mafiabosse hätten genauso auf der Kundenliste gestanden wie italienische Ministerpräsidenten. Bereits die Entstehungsgeschichte des Sachbuchs liest sich wie ein Thriller: Renato Dardozzi, ein hochrangiger Manager der Vatikanbank vererbt tausende von Belegen, Briefen und Dokumenten dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi. Abgeholt hat der Journalist die Unterlagen in Begleitung zweier Bodyguards. Der siebenfache ehemalige Ministerpräsident Giulio Andreotti habe rund sechzig Millionen Euro über die Bank gewaschen – selbstverständlich unter einem Codenamen. «Omissis» sei sein Deckname gewesen. Und Papst Johannes Paul II, mit bürgerlichem Namen Karl Wojtyla, habe dieses System wissentlich gedeckt. Der Vorteil für die katholische Kirche sei ebenfalls evident gewesen: Man weiss von den verbrecherischen Verstrickungen der Kundschaft – und kann so, falls es vonnöten ist, ebenfalls Druck auf diese ausüben. Hinter den Wänden des Vatikans wurde also nicht nur Geld gewaschen; eine Hand wusch auch die andere.



