Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und das Diakonische Werk haben misshandelte Heimkinder um Vergebung gebeten. Es sei beschämend, dass in den 50er und 60er Jahren der christliche Anspruch von der Wirklichkeit nicht gedeckt wurde, hieß es am Rande einer Tagung zur Aufarbeitung der Schicksale misshandelter Heimkinder am Mittwoch in Hannover. Die Betroffenen sollten therapeutisch und seelsorgerisch begleitet werden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Nach Angaben der SPD-Landtagsfraktion waren allein in Niedersachsen etwa 50 000 Kinder betroffen. Bundesweit waren es bis zu einer Million.
Betroffene kamen ebenso zu Wort wie Podiumsteilnehmer aus Politik und Kirche. Heimkinder aus den 50er Jahren hatten zuvor von verheerenden Zuständen berichtet: «Prügel mit Lederriemen, Gummischläuchen oder Stöcken gezielt ins Gesicht. Der Zwang, Erbrochenes aufzuessen – wir bekamen so lange nichts zu essen, bis wir das Erbrochene nicht komplett aufgegessen hatten.»
«Es ist schweres Unrecht passiert. Wir wollen gemeinsam mit den Betroffenen die Situation in den Heimen aufarbeiten», sagte Diakonie- Direktor Christoph Künkel. Die evangelische Kirche räumte indes ein, dass es in den Kinderheimen häufig zu Gewaltanwendungen kam, oft massiver psychischer Druck herrschte und die Kinder nicht individuell gefördert wurden. «Dadurch ist die Würde der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen oft nachhaltig verletzt und ihr Leben beschädigt worden», heißt es in der von Landesbischöfin Margot Käßmann und Künkel unterzeichneten Erklärung.
Die Zustände werden mittlerweile bundesweit thematisiert. In Niedersachsen bemühen sich unter anderem die Diakonie und das Sozialministerium um Aufklärung. Ein Gesprächskreis soll bis Ende 2010 Ergebnisse vorlegen.
Über den Missbrauchskandal in Irland an über 15000 Kindern, hauptsächlich Jungen, durch katholische Priester wurde ja schon viel geschrieben. Jetzt haben sich in einem Spiegel-Bericht erstmals die Opfer John Kelly und Patrick Walsh zu Wort gemeldet, die den Stein ins Rollen gebracht haben. Auzüge gefällig:
Die Ordensbrüder haben Kinder geschlagen, gequält, vergewaltigt. Sie ließen sie hungern und frieren, und manche der Gottesmänner haben die Lederriemen ihrer Peitschen mit Salz eingerieben, damit jeder Schlag lange brennt. “Das waren katholische Konzentrationslager, der irische Archipel Gulag”, sagt Kelly.
Jeder Bruder hatte sein eigenes Design. Die meisten ließen sich Pennys auf die neuen Lederstreifen nähen, damit es schmerzte. Manche bevorzugten Bleistücke oder Kupferdraht. Die noch Perfideren ließen die Gewichte ans Ende der Lederstreifen nähen. Dann wickelte sich das Leder beim Schlag gegen einen Schenkel ums Bein und traf oft die Hoden. “Du wurdest entmenschlicht, und irgendwann glaubtest du, dass du ein Untermensch bist”, sagt Kelly.
Sein Talar beeindruckte O’Gormans Mutter und auch den Jungen. Der Priester warb ihn, angeblich für eine Jugendgruppe. Aber schon am ersten Wochenende vergewaltigte er ihn, nachdem er sich vorher die Hände eingecremt hatte. “Wenn ich Creme rieche und das Geräusch höre, läuft es mir noch heute den Rücken runter.”
Okay, uns ist schon bewusst, das gläubige Katholiken unseren Blog nicht lesen! Aber sie lesen vielleicht die Seite Telepolis des heise-Verlages. Und diese Lektüre könnte sie in ihren Glauben beinträchtigen und deshalb möchten wir hier davor warnen. Obwohl wir annehmen, das wird nicht viel bringen, denn auch in Deutschland war sowas an der Tagesordung. Und die deutsche katholische Kirche hat noch niemals dazu Stellung genommen. Es wird wie immer, lieber ein Mantel des Schweigens, von der Kanzel geworfen.
Ein weiteres Mal berichtet das bundesdeutsche Fernsehen, diesmal die ARD, mit einer Dokumentation vom 15.04.2009, auch leider wieder erst um 23.30Uhr, über das düstere Kapitel der Heimerziehung der 50er und60er Jahre. Sie werden geschlagen, gedemütigt, missbraucht und müssen hart arbeiten: Heimkinder in der Bundesrepublik. Sie kommen ins Heim, weil sie nicht den Vorstellungen ihrer Eltern nach Ordnung, Moral und Angepasstsein entsprechen. So wie Wolfgang Focke, der insgesamt zwölf Jahre in mehreren evangelischen Heimen Schlägen, Demütigungen und Missbrauch ausgesetzt ist. Seine Mutter will ihn nicht mehr, sein Stiefvater schlägt ihn. Die Oma alarmiert das Jugendamt. Wolfgang Focke erzählt von seinen Erfahrungen, Ängsten und von seiner Knast-Karriere nach den Heimen. Er berichtet von mehrfachem Missbrauch in verschiedenen Heimen, vor allem durch einen Heimleiter. Danach gab’s immer Schokolade. Heute, mit 62 Jahren, will er endlich Entschädigung für diese Zeit und für die Arbeit, die er in den Heimen hat leisten müssen.
Der Petitionsausschuss der Bundesregierung hat nun ihr Leid anerkannt. Ein Runder Tisch unter Vorsitz der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer soll Lösungen erarbeiten, wie mit diesem düsteren Kapitel der Nachkriegsgeschichte und den Forderungen der Heimkinder nach Entschädigung für die geleistete Arbeit und das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, umgegangen werden soll. Doch schon macht das Familienministerium, das den Runden Tisch organisiert, einen Rückzieher, wenn es um Geld geht; genauso übrigens wie die Kirchen und Firmen, die sich nicht zuständig fühlen. Gehen die ehemaligen Heimkinder wieder mal leer aus?
Kirchensumpf: Im Jahre 2008 strahlte das ZDF, auch zu mitternächtlichen Stunde, eine ähnlich erschütternde Dokumentation “Zucht und Ordnung – Im Namen von Kirche und Staat” aus.




