Germanische Neue Medizin – in Kronach
von Richard Maxheim
Im Herbst 2005 bracht Radio Berlin-Bandenburg einen Filmbericht über die Germanische Neue Medizin, in dem eindringlich vor den davon ausgehenden Gefahren gewarnt wurde. Diesen Bericht nahm ich zum Anlass, die Aktivitäten der Hamer-Jünger etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Es stellte sich heraus, dass der Elektroingenieur Helmut Pilhar, ohne Zweifel der Stellvertreter Hamers, im Laufe der Jahre in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein Propaganda-Netzwerk von über 100 sogenannten Hamer-Stammtischen aufgebaut hatte. Pilhar selbst war fast ständig in Sachen GNM unterwegs und hielt Vorträge und veranstaltete Seminare. Von den Einnahmen aus den Veranstaltungen und dem Verkauf von GNM-Schriften bestritt er den Lebensunterhalt für sich und seine Familie.
Bereits im Juni 2005 warnte die Deutsche Krebsgesellschaft vor der GNM. In einer gutachterlichen Stellungnahme hieß es abschließend:
„Bei der sog. „Germanischen Neuen Medizin“ von Herrn Hamer handelt es sich um ein in der Biographie und Träumen von Herrn Hamer begründetes Theorem ohne jede wissenschaftliche oder empirische Begründung. Im Gegenteil, nach heutigem Erkenntnisstand ist die zugrundliegende Grundhypothese widerlegt.
Es sind mehrere Todesfälle von Menschen, die seiner Theorie vertrauten, gut belegt, die unter schulmedizinischer Behandlung eine realistische Heilungschance besessen hätten. Deshalb ist die „Germanische Neue Medizin“ mit allem Nachdruck als einerseits absurd, andererseits aber bewiesenermaßen gefährlich zurückzuweisen. Ihrer Verbreitung muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln – juristisch und auf dem Wege der Aufklärung – Einhalt geboten werden. Eine Plattform zur Selbstdarstellung darf ihm und seinen Anhängern nicht geboten werden.“
Der Fall Kronach
Auch in Kronach war für den 30. November 2005 ein Pilhar-Vortrag angekündigt. Ich möchte den Fall Kronach hier stellvertretend für alle anderen Fälle vortragen. Dies besonders auch deshalb, um aufzuzeigen, dass eine konsequente Aufklärungsarbeit noch nach Jahren Früchte tragen kann.
Die Wirtin des Kronacher Veranstaltungslokals hatte ich ausführlich über die Hintergründe der GNM informiert, aber sie schien sich nicht allzu viel darum zu kümmern. Es war überhaupt bei den Aktionen festzustellen, dass gegenüber den Gastwirten im Norden, die durchweg die Germanen-Quacksalber mit ihren Stammtischen kurzerhand vor die Tür setzten, die Wirte im Süden, ganz besonders in Bayern, sich mehrheitlich einen Dreck darum scherten, wer sich bei ihnen eingenistet hat. Da hätte selbst der Ku-Klux-Klan kaum Schwierigkeiten, ein Stammlokal zu finden. Ich schrieb dann noch einen offenen Brief an die Wirtin, mit großflächiger Verbreitung. Der Fränkische Tag brachte den Brief und Pilhar hat ihn heute noch auf seiner Homepage.
Die Veranstaltung fand statt und die örtliche Presse berichtet außerordentlich positiv darüber, als wenn diese Reporter nicht dazu in der Lage gewesen wären, sich etwas genauer über die GNM zu unterrichten. Keine kritisches Hinterfragen, obwohl ich im Vorfeld genügend Stoff dazu geliefert hatte.
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Der Fränkische Tag setzte noch einen oben drauf, in dem er einen Leserbrief des Veranstalters der der Pilhar-Vortrages in Kronach veröffentlichte.
Es kam dann im Laufe des Jahres 2006 noch toller: Am 10. August brachte der Fränkische Tag einen Artikel mit der Überschrift „Waren Kronacher zu Besuch bei einem Scharlatan?“.
Was das Fragezeichen in der Überschrift sollte, war unklar, denn dass die Kronacher bei dem Seminar in Malaga gewesen waren, belegte ein Foto, und dass Hamer keine Scharlatan sein kann, suggerierte der anschließende Artikel. Da wurde auch nichts hinterfragt, so wie es ordentliches journalistisches Handwerk gewesen wäre. Der Artikel war ein einziges Propaganda-Pamphlet für die Germanischen Neuen Medizin.
In dem Artikel wurde der Fall Olivia Pilhar angesprochen. War das alles, was dazu zu sagen wäre? Keine einzige der angeblichen Heilungen durch die GNM ist belegt, aber es gibt inzwischen mehr als genug Opfer der GNM. Olivia Pilhar wurde gegen den Willen ihrer Eltern operiert, weshalb sie noch lebt. Ihre Eltern, verblendete Sektierer oder eiskalte Geschäftsleute – man weiß es nicht – , wollen das heute noch nicht wahr haben.
Die Fakten lagen beim Fränkischen Tag bereits auf dem Tisch. Und noch was: Die Darmkrebsrate soll im Raum Kronach überdurchschnittlich hoch sein. Dann ist die GNM da ja genau richtig am Platz. Was die GNM an Humbug zum Thema Darmkrebs zu bieten hat, kann man bei Pilhar nachlesen.
War es der Redaktion vom Fränkischen Tag nicht möglich entsprechend zu recherchieren und diese Seite aufzuspüren? Wäre es ihr nicht möglich gewesen, dazu einen kompetenten Arzt zu befragen? Wenn das der Fränkische Tag sein soll, dann gute Nacht.
Darmkrebs ist eine der wenigen Krebsarten, die heute heilbar sind. Früherkennung heißt hier das Zauberwort. Was Anhänger der GNM von Früherkennung und von ordentlicher wissenschaftlicher Forschung in diese Richtung halten, kann man z.B. hier nachlesen.
Wenn man die Diskussionen in den einschlägigen, von GNM-Anhängern besetzten Internet-Foren verfolgt, dann erkennt man schnell, dass Maßnahmen der Krebs-Früherkennung in diesen Kreisen geradezu verpönt sind und lächerlich gemacht werden. Und so eine Gruppe bestand allem Anschein nach schon in Kronach, wie auch als offizielle GNM-Studienkreise in anderen Orten Frankens. Durch die Machenschaften solcher Cliquen besteht die latente Gefahr, dass krebskranke Patienten, die durch die moderne Medizin eine reelle Chance zur Heilung und zum Überleben hätten, in die Fänge dieser Scharlatan-Sekte geraten. Die Zeitbombe tickt … und der Fränkische Tag hat nicht gerade dazu beigetragen, sie zu entschärfen.
Es gab daraufhin Beschwerden bei der Redaktion beschwert. Pilhar musste den Artikel auf Verlangen vom Fränkischen Tag von seiner Homepage löschen. Verständlich, dass er sich darüber ärgerte.
Bezeichnend für Pilhar war seine zielstrebige Mutmaßung, der israelische (also der jüdische) Geheimdienst Mossad könnte sich dahinter verbergen. Wie sollte es auch anders sein. Daran konnte man mal wieder sehen, wie Pilhar tickt.
Widerstand in Kronach
Der Wind hat sich inzwischen gedreht. In Kronach gibt es nun aktiven Widerstand gegen die antisemitische Scharlatan-Sekte Germanische Neue Medizin, die dort offensichtlich noch einiges vor hatte. Das Bayerische Fernsehen brachte einen Filmbericht darüber.
Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung:
Auch die Neue Presse berichtet ausführlich über die Entwicklung, und diesmal etwas anders. Hier die Artikel chronologisch geordnet:
03.03.2009 – Front gegen „braune Wunderheiler“
05.03.2009 – „Wir wollen hier nichts, als in Ruhe leben“
19.03.2009 – Skandal in Kronacher Synagoge
19.03.2009 – „GNM ist Produkt einer Allmachtsfantasie“
19.03.2009 – Artikel in der Mainpost – Aufregung um Wunderheiler
Dafür, dass sich Dirk Vitz, der bisherige Hauptakteur der Kronacher GNM-Anhänger, öffentlich vom Antisemitismus Hamers distanziert (als wenn er das gerade erst gemerkt hätte und erstaunt darüber sei), wurde er postwendend von Hamer exkommuniziert.
So ist er, der Größe Germanische Medizinmann aller Zeiten und Entdecker der Fünf Eisernen Regeln des Krebses. Er behauptet fortlaufen, die Juden würden verhindern, dass seine geniale Entdeckung nicht allen Menschen zugute käme, weil sie sie erstens nur für sich behalten wollten und zweitens alle anderen gefälligst an der Schulmedizin verrecken sollten. Das soll dann kein Antisemitismus sein. Es ist aber doch Volksverhetzung pur. Und genau in das gleiche Horn bläst Pilhar, wenn er jetzt sein skandalöses Auftreten in der Kronacher Synagoge auf seine Art darstellt.
Inzwischen haben sich schon viele Anhänger der GNM von Hamer abgewandt bzw. wurden von ihm verstoßen, weil sie seiner antisemitischen Pöbeleien überdrüssig waren. Aber es ist eine Illusionen dieser Leute wenn sie meinen, den einen Irrsinn von dem anderen trennen zu können. Hamer ist und bleibt ein Scharlatan und seine Germanische Neue Medizin ist und bleibt pseudomedizinischer Schwachsinn. Wer heute ernsthaft verlangt, dass man diesen Schwachsinn wissenschaftlich verifizieren soll, der kann genauso gut die Rehabilitierung des Osterhasen verlangen und dafür auf die Barrikaden gehen, dass man seine schändliche Benachteiligung gegenüber dem Weihnachtsmann revidiert. Aber die GNM bzw. Fragmente von ihr tauchen nun überall in der so genannten Alternativmedizin auf. Es werden dann ganz einfach andere Begriffe dafür kreiert. Ohne Hamer kann man sie bedenkenlos und unauffällig in die Reihe der bereits bekannten Quacksalbereien wie Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin, Anthroposophische Medizin – also die merkwürdigsten Auswüchse so genannten Alten Wissens und obskurer Sektenlehren – und vielen anderen Erfindungen findiger Scharlatane einreihen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind dazu prädestiniert, Kranke von Diagnosen und Therapien durch die moderne Medizin abzuhalten und stellen von daher stets eine Gefahr für Leib oder Leben der Patienten dar.
Quelle: Meisenpiep



