Heilpraktiker Jürgen Richter
Der Spiegel 09/2006
Rosenkranz und Eichenrinde
von Peter Wensierski
Krebskranken galt er als letzte Hoffnung: Nun steht ein fundamentalistisch-katholischer Wunderheiler vor Gericht – auch wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz.
Dank einer Behandlung, die „dem göttlichen Willen entspricht”, versprach der Ibbenbürener Heilpraktiker Jürgen Richter wahre Wunder: Sogar Tumoren würden verkleinert, ja Krebs geheilt. Schließlich entfalte nur das Beste aus Himmel und Erde in den von ihm entwickelten Mitteln seine heilende Wirkung. Bei einer Hausdurchsuchung wollen die Ermittler auf die geheime Rezeptur gestoßen sein: unter anderem eine Hand voll Eichenrinde und -blätter, 100 Gramm Kochsalz, ein Klumpen Hunde- oder Hühnerkot, alles angerührt mit einem Liter Wasser und zwei Litern Alkohol. Ebenso wichtig war, bei der Einnahme „zu Einen der Jungfrau” den Rosenkranz zu beten.
Inzwischen sitzt der strenggläubige Katholik mit „enger Anbindung an die Sakramente der Kirche” (Eigenwerbung) in Untersuchungshaft. Denn mit dem Hokuspokus verdiente Richter offenbar so viel Geld, dass die Finanzbehörden aufmerksam wurden – weil er es mit keiner irdischen Instanz teilen wollte. Sie gehen von mindestens 2,6 Millionen Euro Steuerschuld aus. Und so setzte die Staatsanwaltschaft Münster mit der Inhaftierung dem Treiben des Wunderheilers vorerst ein Ende. Da halfen auch nicht die Fürbitten seiner Anhänger. In der vergangenen Woche begann der auf mehrere Monate angesetzte Prozess gegen Richter und seine Ehefrau vor dem Landgericht Münster. An dessen Ende, erwartet Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer, werde eine mehrjährige Freiheitsstrafe stehen – denn Richter, so der Vorwurf, habe auch noch gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen, als er seine Anti-Krebs-Präparate unerlaubt vertrieben habe. Der Angeklagte hat bisher zu den Vorwürfen geschwiegen. Sein Verteidiger, der Berliner Anwalt Stefan Conen, spricht von „nicht nachvollziehbaren Hochrechnungen” bei der Steuerschuld; die angeblichen „Ekel-Rezepte” würden nicht verhandelt, sie dienten der Staatsanwaltschaft nur zur Stimmungsmache.
Das Geschäft mit der Hoffnung Todkranker lief jedenfalls glänzend. In Richters Kartei waren laut den Ermittlungen schätzungsweise 7000 Kunden. Viele der Krebskranken ohne Heilungsaussichten seien aus der ganzen Republik, aber auch aus der Schweiz, aus Österreich und Belgien ins westfälische Zechenstädtchen Ibbenbüren gepilgert.
Ehemaliges “St.-Hildegard-Haus in Ibbenbüren
Umsatzfördernd war dabei Richters Einbindung in katholische Fundamentalisten-Gruppen, zu denen sich einige deutsche Bischöfe zwar auf Distanz halten, die jedoch im Vatikan Unterstützung und Anerkennung finden. Richter selbst war als „Stammesfeldmeister” in der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) aktiv. Die KPE hat mit der katholischen Pfadfinderschaft Sankt Georg nichts gemein, sie wurde 1976 vom Jesuiten-Pater Andreas Hönisch gegründet, dem die offiziellen Pfadfinder zu lasch erschienen. Die KPE, die vom Vatikan den Status einer „Gesellschaft des apostolischen Lebens” erhielt, gilt unter Sektenexperten als Seelenfänger-Gruppe, die nur vordergründig Pradfinderarbeit betreibe und europaweit 60000 Mitglieder haben soll. Für deren Aktivitäten gab es sogar Lob von der rechten Wochenzeitung I .Junge Freiheit”. In diesem Umfeld fiel es offenbar nicht schwer, sich der gut zahlenden Kundschaft als Auserwählter zu präsentieren. „Nur wenigen Menschen”, behauptete Richter, teile „die Natur ihre Geheimnisse” mit. Er gehöre zum erlesenen Kreis, denn er habe das „religiöse Prinzip der Lysotoxin-Methode” erfahren.
In seinem „St.-Hildegard-Haus” erwartete die Besucher eine Kapelle mit Kruzifix, Marienstatue und Tabernakel. Zur Erhöhung der Wirkung seiner Heilmischung empfahl der fromme Mann den Kranken zusätzlich „intensive Beichtgespräche”.
Die teuren Lysotoxin-Arzneien erhielten die Patienten per Tropf, als „Schwingungstherapie”. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft eher eine „Schwindeltherapie”: Die Krebskranken hätten eine unbedeutende Infusionslösung erhalten, das Lysotoxin sollte seine Wirkstoffe dank heiliger „Schwingungen” in die Lösung übertragen. Vor Gericht soll zudem geklart werden, ob ein göttliches Vogelkot-Gemisch auch direkt injiziert worden ist. Für Ähnlich dubios hält die Staatsanwaltschaft auch Richters Finanzsystem. Es sei „auf Verdunkelung ausgelegt” gewesen, Karteikarten, auf denen Barzahlungsvermerke festgehalten worden seien, gelten als verschwunden. Sein Anwalt halt dem entgegen, ein Heilpraktiker habe diesbezüglich keine Aufbewahrungspflicht. Richter fühlte sich offenbar zu größeren Glaubenswerken berufen: Vor drei Jahren schon hatte eine Schweizer Holding mit Unterstützung Richters auf einem 15000 Quadratmeter großen Grundstück ein “Hotel-Dieu” bauen wollen. Das Gotteshotel sollte Großklinik, Gästehäuser und eine stattliche Kapelle beherbergen. Doch der Gemeinderat kippte das Projekt – nach heftigen Protesten im Ort. Eltern, die ihre Kinder bei der „Mädchen- und Jungenmeute” der Pfadfinder zuerst in guten Händen wähnten, hatten bald genug von der, so eine Mutter, „rigiden Pädagogik”, die, ergänzt ein Vater, mit „Angstmacherei, Schuldgefühlen und Druck” operiere. Die von Richter unterstützte KPE verlangte, Mädchen sollten keine Bikinis oder enge Hosen tragen, alle Kinder sollten um Zeitungskioske mit Nacktfotos einen großen Bogen machen und sich gegen die permanente Versuchung mit dem Schlagen des Kreuzzeichens und einem Stoßgebet auf den Lippen wehren. All das erschien selbst westfälischen Katholiken als unannehmbar.



